Im Jahr 1912
führt Wilhelm Ostwald sein bisheriges Engagement für Bildung, Kultur und
internationale Verständigung unvermindert fort. Er wirkt in diesem Jahr unter
anderem als Vorsitzender
des Deutschen Monistenbundes, als Präsident der Internationalen Assoziation
der chemischen Gesellschaften und als Mitbegründer und Vorsitzender der
„Brücke“. In einer Zeit, in der durch
Aufrüstungsprogramme in Deutschland, Frankreich und England, die Zunahme der
außenpolitischen Spannungen zwischen den europäischen Großmächten, aggressiven
Drohgebärden und den Balkankriegen eine wachsende Kriegsgefahr entsteht,
bekennt sich der Gelehrte wiederholt zu den Zielen der bürgerlichen
Friedensgesellschaften. Während seiner Aufenthalte in Wien wird Wilhelm Ostwald
von der Schriftstellerin und Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner im
März, im Mai und im Juli 1912 zum Dinner eingeladen, im September nimmt Wilhelm
Ostwald an einem Weltfriedenskongress in Genf teil.
Nach dem großen
Erfolg des Internationalen Monistenbundkongresses in Hamburg bemüht sich
Wilhelm Ostwald, den Bund inhaltlich und organisatorisch zu festigen. Im April 1912 erscheint zum ersten Mal die Zeitschrift „Das monistische
Jahrhundert“ unter der Federführung Wilhelm Ostwalds. Er hält
zahlreiche Vorträge in den Ortsgruppen und leitet im September 1912 die
Jahrestagung in Magdeburg. In seinen Ausführungen verwirft er den Krieg und den
„bewaffneten Frieden“.
Einen Großteil
seiner Bemühungen ist der „Brücke
– Internationales Institut zur Organisierung der geistigen Arbeit“ gewidmet. Wilhelm Ostwald will mit ihr die
Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Künstlern aller Disziplinen und
Nationen erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen. Normierungen für Druckformate,
bibliographische Angaben und andere Bereiche, die Benutzung einer geeigneten
„Weltsprache“,
möglichst vollständige Wissenssystematiken und Adressenlisten sind aus seiner
Sicht notwendige Vorarbeiten. Im August nimmt der Wissenschaftler am 8.
Kongress der Esperantisten in Krakau teil. Wilhelm Ostwald bemüht sich vor
allem um Unterstützer und Geldgeber, er selbst setzt einen Teil seines
Preisgeldes vom Nobel-Preis ein.
Auch auf seinem Fachgebiet will Wilhelm
Ostwald eine bessere internationale Verständigung erreichen. Im April findet
unter seiner Leitung das 2. Treffen der Internationale Association der
chemischen Gesellschaften statt. Diese Veranstaltung vereinigte inzwischen, auch
durch den Einsatz von Wilhelm Ostwald, chemische Gesellschaften aus zwanzig
Ländern.
Auch im Jahre 1912 ist Wilhelm Ostwald
publizistisch tätig. Unter dem Titel „Der energetische
Imperativ“ erscheint eine
Aufsatzsammlung mit Beiträgen zur Begründung und Weiterentwicklung seiner
Naturphilosophie und die Anwendung der energetischen Betrachtungsweise für
Aufgabenstellungen aus unterschiedlichen Wissenschaftszweigen.