2001 jährte sich zum 100. Male
Ostwalds Ansiedlung in Großbothen.
Nach Ablehnung seines Antrages auf Vorlesungsbefreiung durch die philosophische
Fakultät der Universität Leipzig verzichtete Ostwald schließlich im August 1906
auf seine Professur für physikalische Chemie und lebte bis 1932 in
Großbothen als freier Forscher.
Ostwalds Bekanntschaft mit dem Muldental ging auf Ferienaufenthalte der Familie in Grimma zurück. Am 25. 7. 1901 erwarb er von einer Leipziger Familie das erste Grundstück in Großbothen mit einem kleinen Landhaus.
1904 wurde der Name Energie über
dem Hauseingang angebracht. Die Namenswahl lässt nachvollziehen, welche
Bedeutung die Energie in Ostwalds Gedankenwelt hatte.
1905/06 während des Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten als erster
deutscher Vertreter im Professorenaustausch ließ er das Gebäude vom Grimmaer
Baumeister Müller erweitern, aufstocken und mit einem Turm versehen. Mit
Honoraren aus seiner umfangreichen Tätigkeit als Lehrbuchautor wurden bis 1921
weitere Flurstücke hinzugekauft und so das Gelände auf etwas über 7 ha
erweitert.
Aus der gleichen Zeit wie das Hauptgebäude Haus Energie
stammt das Hausmeisterhaus
am Grundstückseingang.
1911 wurde
eine Windturbinenanlage südlich vom Haus Energie
am Rand des Grundstücks errichtet. Sie pumpte Trinkwasser aus einem
Schachtbrunnen in einen Hochbehälter am höchstgelegenen Punkt des Grundstücks.
1912 erhielt der Kolloidchemiker Wolfgang Ostwald das Waldhaus als Sommerwohnung.
1914 baute der Münchener Architekt Wilhelm das Haus Dowa (jetzt Glückauf) für die zahlreiche Familie Walter Ostwalds.
1916 entstand das Laborgebäude, auf welches später die Bezeichnung Werk überging, weil dort ab 1920 eine kommerzielle Unternehmung Ostwalds für Anschauungs- und Schulungsmaterial zur Farbenlehre, die Energie-Werke GmbH, Abt. Farblehre, ihren "Sitz" hatte.
1923 Umstellung der Beleuchtungsanlage im Haus Energie. Oberhalb des Hauses (heutiger Parkplatz) in einem Schuppen wurde ein eigenes "Elektrowerk" installiert. Ein Benzinmotor trieb einen Generator an, der zwei Sätze zu je 15 Batterien auflud und somit 60 V bereitstellte.
1927 erfolgte der Anschluss an die örtliche Elektroversorgung.
1932, nach dem Ableben Wilhelm Ostwalds, verzichten die Kinder auf ihr Erbteil mit der Absicht, den Nachlass des Wissenschaftlers ungeteilt der Nachwelt zu erhalten. Die Verwaltung lag in den Händen der gelähmten älteren Tochter Grete. Sie sichtete und ordnete den umfangreichen schriftlichen Nachlass und richtete das Wilhelm-Ostwald-Archiv ein.
1943 wurde die grundstückseigene Wasserversorgung modernisiert.
1945 Den zweiten Weltkrieg überstand der Nachlass ohne Verluste und ungeachtet der misslichen materiellen Situation erfolgten auch zu dieser Zeit keinerlei Verkäufe, um die Geschlossenheit des Nachlasses zu erhalten.
1952/53 wurde es der Generation nach Ostwald immer schwerer,
trotz vielfältiger Hilfe ehemaliger Schüler Ostwalds, insbesondere aus den
Vereinigten Staaten, den Nachlass selbst zu erhalten. Die angestrebte Übernahme
durch die Universität Leipzig kam nicht zu Stande. Die Ursache lag vermutlich
in ideologischen Vorbehalten auf der einen und den Wunsch nach Fortsetzung der
ostwaldschen Arbeiten zur Farbenlehre auf der anderen Seite.
So
erschien die von der damaligen DDR-Regierung vorgeschlagene und 1953
realisierte Schenkung an die Berliner Akademie
der Wissenschaften als Chance, den Bestand des Nachlasses und seine
anhaltende Nutzung für die Wissenschaft zu sichern. Ein Brief des
Ministerpräsidenten Otto Grotewohl an die Schenker und ein Beschluss des
Ministerrates der DDR und flankierten die Übergabe.
In dem Beschluss wird ausgeführt:
1.
Der Beschluss des Präsidiums der
Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, anlässlich des 100.
Geburtstages des großen deutschen Naturwissenschaftlers Wilhelm Ostwald am
2.9.1953 das Haus „Energie“ in Grossbothen als
Wilhelm-Ostwald-Archiv und Forschungsstätte in die Deutsche Akademie der
Wissenschaften zu übernehmen und in diesem Hause ein Forschungsinstitut für die
Farbenlehre einzurichten, wird zur Kenntnis genommen und bestätigt.
2.
Die für 1953 zur Durchführung dieses
Beschlusses notwendigen Mittel sind aus Einsparungen des Haushaltes der
Deutschen Akademie der Wissenschaften zu entnehmen.
Begründung:
Die Nachkommen von Wilhelm Ostwald,
seine 71 jährige Tochter Grete Ostwald und sein 64 jähriger Sohn C. O. Ostwald
haben ihr Einverständnis erklärt, das Besitztum einschließlich des Nachlasses
von Wilhelm Ostwald und des Laboratoriums der Deutschen Akademie der
Wissenschaften kostenlos zu übereignen. Es wurde mit den genannten Erben eine
Übereinstimmung dahingehend erzielt, dass auf der Grundlage des dort
befindlichen Archivs von Wilhelm Ostwald und des Forschungslaboratoriums ein
Forschungsinstitut für Farblehre errichtet wird, dass die allgemeine Farblehre
pflegt, weiterentwickelt und insbesondere die Anwendung der
Forschungsergebnisse in der Industrie fördert. Daneben ist eine
Gedächtnisstätte oder ein Museum zum Andenken an Wilhelm Ostwald und zur Pflege
seines literarischen Nachlasses zu errichten, wobei neben der Schaffung einer
öffentlich zugänglichen Gedächtnisstätte besonderer Wert auf die Herausgabe des
Nachlasses zu legen ist.
Die Akademie richtete einen Forschungskomplex mit den beiden Teilen: Ostwald-Archiv und Farbenforschung ein.
1954 wurde der Landsitz an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen und eingezäunt. Die Akademie führte Bau- und Instandsetzungsarbeiten aus. Mit dem Garagentrakt entstand der erste und bisher einzige Neubau nach Ostwald auf dem Gelände.
1957 versucht Prof. F. Herneck, ungeachtet
der leninschen Einstufung als „großer Chemiker“ und „verworrener
Philosoph“, eine sachliche
Einschätzung der wissenschaftlichen Leistungen Ostwalds. Als Verbeugung vor der
Parteilinie rückt er dabei die lediglich vier Jahre dauernde Präsidentschaft
Ostwalds im Monistenbund in den Vordergrund. Trotzdem bringt die Parteizeitung
„Neues Deutschland“ am
1968 ging die Farbenforschung zusammen mit der Rechtsträgerschaft über die Immobilie an die
VVB Lacke und Farben, die in Großbothen Autolacke
entwickelte.
Die Akademie blieb als Mieter in dem auf fünf Räume zusammengeschmolzenen
Ostwald-Archiv präsent.
1971 quittierte die letzte Archivmitarbeiterin aus Altersgründen den Dienst. Die Archiv-Räume wurden verschlossen.
1973 wurde anlässlich des 120. Geburtstages Wilhelm Ostwalds medienwirksam
die Wilhelm-Ostwald-Gedenkstätte als Wissenschaftlich-kulturelles Zentrum im Muldental
eingeweiht und am nächsten Tag wieder geschlossen. Ein Dauerbetrieb war nicht
vorgesehen.
Die Akademie bringt
wesentliche Teile des schriftlichen Nachlasses nach Berlin.
1975 organisierte Prof. Hermann Berg aus Jena das erste Großbothener Gespräch.
1982 führte ein Artikel in der amerikanischen CHEMTECH den Landsitz Energie unter den ersten chemiehistorischen Adressen Europas an.
1988 ging die Rechtsträgerschaft über den Landsitz Energie an das Kombinat Chemieanlagenbau Leipzig-Grimma über, welches die Errichtung eines internationalen Wissenschaftlerzentrums in Großbothen plante und dafür Projektierungsarbeiten aufnahm.
1990 fiel die Rechtsträgerschaft wieder an die Akademie der Wissenschaften. Der Förderverein der Ostwald-Gedenkstätte wurde gegründet.
1991 wurden erste Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für die Sanierung des Landsitzes genehmigt und Mittel aus dem kulturellen Infrastrukturprogramm der Bundesregierung bewilligt. Bis 1994 konnten die Häuser Energie, Glückauf und Werk vollständig oder teilweise saniert werden. Die Eintragung im Grundbuch lautete unverändert Volkseigentum.
Im Dezember 1994 wurde der Landsitz Energie dem Eigentum des Freistaates Sachsen zugeordnet.
1995 beabsichtigte ein Investor, die Liegenschaft für
eine Investition zu übernehmen,
welche der 2.000-Seelengemeinde Großbothen ein 100-Betten-Hotel
bringen sollte. Er war auch bereit, sein Hotel mit Ostwalds Möbeln und
eventuell einigen Gemälden zu schmücken. Der "Rest" des Nachlasses
war für ihn uninteressant. Die denkmalgeschützte Altbausubstanz war zum Abriss
vorgesehen, "damit es sich rechnet".
Eine
Unterschriftensammlung und breites
Medieninteresse bewirkten, dass dieses Vorhaben
nicht zur Ausführung kam.
Die Regierung des Freistaates erklärte aber, dass jetzt und künftig keine Landesnutzung vorgesehen sei.
Diese Aussage ist vermutlich so zu
deuten, dass die Absicht, den Landsitzes zu veräußern, zwar aufgeschoben, aber
nicht aufgehoben ist.

Die Gesellschaft hoffte auf ein Umdenken der Verantwortlichen im Vorfeld
des 150. Geburtstages von Wilhelm Ostwald im Jahre 2003. Diese Hoffnung schien nicht unbegründet, hatte doch die
Universität Leipzig bereits 2001 im „Informationsdienst
Wissenschaft“ verkündet, der Rektor erwarte eine Übergabe des Landsitzes an die Universität
im Jahre 2003.
Leider hat sich dieser Wunsch nicht erfüllt.
2009 Ab 01.01. 2009 übernahm die “Gerda
und Klaus Tschira Stiftung“ den Landsitz „Energie“. www.wilhelm-ostwald-park.de
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