Die wissenschaftliche Schule

Wilhelm Ostwalds erste Berufung erfolgte an das Polytechnikum Riga. An dieser Technischen Hochschule in seiner Heimatstadt war die Chemieausbildung auf einem recht niedrigen Niveau. Der noch junge Professor musste die gesamte Ausbildung bestreiten und die Arbeit im Laboratorium organisieren. Wilhelm Ostwalds Bemühungen um eine Verbesserung der Studienbedingungen hatten sowohl Erfolg bei den Studierenden als auch bei der Leitung der Hochschule, die ein neues Institutsgebäude nach dessen Vorstellungen errichten ließ. Dennoch sind nur wenige Absolventen bekannt, die nach einem zusätzlichen Aufenthalt am Leipziger Physikalisch-chemischen Institut als Wissenschaftler arbeiteten, auch weil in der Ausbildung die Bedürfnisse der russischen chemischen Industrie dominierten.

An der Universität Leipzig konnte Wilhelm Ostwald im Institut für physikalische Chemie sehr viel stärker seinen wissenschaftlichen Interessen nachgehen. Sowohl die Vermittlung der Theorie als auch das Experimentieren im Laboratorium waren auf wissenschaftliche Leistungen ausgerichtet. Wilhelm Ostwald gelang es nicht nur, die wissenschaftlichen Arbeiten an seinem Institut auf die wichtigsten Probleme der physikalischen Chemie zu konzentrieren, sondern eine eigene wissenschaftliche Schule zu begründen, die um die Jahrhundertwende Weltgeltung besaß. Neben den eingeschriebenen Absolventen gab es in Ostwalds Institut zahlreiche Gäste, die sich für ein oder mehrere Semester, manchmal auch kürzere Zeit, mit speziellen Untersuchungsmethoden oder der Laboratoriumsorganisation bekannt machten. Wilhelm Ostwald legte auf die praktische Arbeit im Laboratorium größten Wert. Weniger Geübte führte man in die handwerklichen Voraussetzungen der Laboratoriumsarbeit ein, außerdem gab es spezielle Kurse. Alle experimentellen Ergebnisse, oft gemeinschaftlich erarbeitet, wurden zur Diskussion gestellt und von allen Teilnehmern nach Lösungswegen gesucht. Einem Brief von Wilhelm Ostwald an das Sächsische Kultusministerium in Dresden vom Frühjahr 1905 ist zu entnehmen, dass ab Sommer 1903 im Labor, ohne die Lehrerstudenten, 262 Praktikanten tätig waren: 142 aus Deutschland, 49 aus Rußland, 40 aus den USA, 31 aus Österreich, 15 aus England und die anderen aus sechs weiteren europäischen Ländern. Die überragende Bedeutung der wissenschaftlichen Schule Wilhelm Ostwalds kommt auch darin zum Ausdruck, dass sich einige Wissenschaftler, wie Sir William Ramsay (1852-1916), Nobelpreisträger von 1904, und Heinrich Goldschmidt, als Schüler Ostwalds bezeichneten, obwohl sie nicht in Leipzig tätig waren.

Während der 19jährigen Tätigkeit Ostwalds in Leipzig entstanden mehr als 150 Dissertationen, genauere Angaben fehlen leider, weil die Institutsunterlagen Bombenangriffen im Krieg zum Opfer fielen. Darüber hinaus entstanden 10 Habilitationsschriften, das sind, bezogen auf die Chemie, fast 50 % der an der Universität Leipzig im gleichen Zeitraum durchgeführten Habilitationen oder 10 % deutschlandweit.

 

Das Physikalisch-chemische Institut der Universität Leipzig 1901

Das Physikalisch-chemische Institut der Universität Leipzig 1901

Neuere Untersuchungen von Karl Hansel () haben ergeben, dass annähernd 170 Professoren längere oder kürzere Zeit am Institut von Wilhelm Ostwald wissenschaftlich arbeiteten. Zu ihnen gehörten unter anderem:

·                    Jacobus Henricus van 't Hoff (1852-1911), 1901 Nobelpreis

·                    Svante August Arrhenius (1859-1927), 1903 Nobelpreis

·                    Walther Nernst (1864-1941), 1920 Nobelpreis

·                    Theodore William Richards (1868-1928), 1914 Nobelpreis.

·                    Fritz Pregl (1869-1930), 1923 Nobelpreis

·                    Ernst Beckmann (1853-1923), Chemiker

·                    James Walker (1853-1935), Chemiker

·                    Julius Wagner (1857-1924), Chemiedidaktiker

·                    Georg Bredig (1858-1944), Chemiker

·                    František Wald (1861-1930) Chemiker

·                    Paul Walden (1863-1957), Chemiker

·                    Robert Luther (1868-1945), Photochemie

·                    Frederick G. Donnan (1870-1956), Chemiker

·                    Max Bodenstein (1871-1942), Chemiker

·                    Carl Benedicks (1875-1958) Chemiker

·                    Eberhard Brauer (1875-1958), Chemiker

·                    Niels Bjerrum (1879-1958), Chemiker

·                    Hans Kühl (1879- 1969), Zementchemie

 

Nach 1906 lebte und wirkte Wilhelm Ostwald in Großbothen. Ein in sich geschlossenes wissenschaftliches Arbeitsgebiet nahm er erst wieder um 1914 mit der Farbenlehre in Angriff. Eine wissenschaftliche Schule im engeren Sinne entstand zwar nicht, aber der Gelehrte verstand es, Persönlichkeiten für seine Farbenlehre, insbesondere im Anwendungsbereich, zu gewinnen. Hierfür stehen unter anderem die Professoren Robert Haller und Paul Krais in Dresden sowie Eugen Ristenpart in Chemnitz für die Textil- und Färbereiindustrie, die Lehrer Rudolf Dorias in Chemnitz, Willi Strasser in Leipzig und Gerhard Streller in Leisnig.

 

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